Abwasserbeseitigung

 

Sauberes Trinkwasser und die Abwasserbeseitigung stehen in kausalem Zusammenhang


Wenn wir bei der Betrachtung der Wasserversorgung feststellen konnten, dass im Wasser der Ursprung allen Lebens liegt, so muss man heute mehr denn je den so engen Zusammenhang zwischen Wasser und Abwasser sehen, als im modernen Industriezeitalter vielfältige Beeinflussungen gerade auch vom Wasser nicht ferngehalten und dadurch in verstärktem Maße aus dem ursprünglich sauberen Wasser umweltgeschädigtes verschmutztes Wasser entsteht.

Der Bau von Kanalisationsanlagen ist keine Errungenschaft der Neuzeit. Alle Kulturvölker des Altertums haben in „Ballungsräumen“ bereits Abwassereinrichtungen hergestellt. In den frühen Ansiedlungen des Zweistromlandes zwischen Euphrat und Tigris wurden schon im Jahre 5.200 v.Chr. in Nippur gewölbeförmige Bewässerungs- und Entwässerungskanäle gebaut, was vor allem von den Römern und Griechen, in der Erkenntnis der hygienischen Erfordernisse zur Reinhaltung der Straßen, Plätze und Stadien, in der Folgezeit fortgesetzt wurde. Derartige Anlagen sind heute noch sichtbar. Besonders bekannt sind die Aquädukte und die „Cloaca Maxima“ Roms. Mit dem Untergang dieser Kulturen ging das Bewusstsein für diese Anlagen verloren.

Erst die Erkenntnis, dass die Zerstörung der Gewässer auf Dauer auch den Menschen und seine Zivilisation zerstören wird, führte zu einem Umdenken. Ab etwa 1.500 n.Chr. ist eine Wiederentdeckung der Hygiene zu beobachten. Dennoch gab es bis weit ins 19. Jahrhundert Cholera-, Ruhr- und Thyphusepidemien, an denen tausende Menschen starben.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in Deutschland der Ausbau von Kanalisationsnetzen vorangetrieben und mit dem Bau von Kläranlagen im städtischen Bereich begonnen.

Durch das Ansteigen der Bevölkerungsdichte, des Lebensstandards und die fortschreitende Industrialisierung wurde der Wasserbedarf in besonderem Maße beeinflusst. Mit zunehmender Modernisierung stieg der Konsum von Trinkwasser. Die Bereitstellung von ständig wachsenden Wassermengen für die Bevölkerung brachte zwar einen gehobenen Komfort, jedoch eine enorme Zunahme der Abwassermenge mit sich. Das schnelle Expandieren der Städte und Gemeinden ging Hand in Hand mit der industriellen Aufwärtsentwicklung, was zusätzlich erhebliche Schmutzwassermengen hervorbrachte. Fasst man den Verbrauch von privaten Haushalten und Industrie zusammen, fallen heute bundesweit jeden Tag ca. 12 Millionen Kubikmeter Schmutzwasser und noch mal die gleiche Menge an Regenwasser an, die in der Kanalisation gesammelt und in den Klärwerken gereinigt werden müssen.

Im Zuge des heute zunehmenden umweltpolitischen Denkens kommt der schadlosen Abwasserbeseitigung eine herausragende Bedeutung zu. Das Thema Abwasser stellt heute eine erstrangige umweltpolitische Aufgabe dar, die längst nicht mehr den Fachmann alleine fordert, sondern auch den Politiker und selbst den Einzelnen. Früher war die unzureichende Abwasserbeseitigung auslösender Faktor für Epidemien. Heute sind die Gewässer von Belastungen bedroht, die sich über den Wasserkreislauf mittel- und langfristig negativ auf Mensch, Tier und Vegetation auswirken können.

Wir müssen unsere Gewässer unbedingt sauber halten; Einsicht und guter Wille allein schützen Gewässer noch nicht. Die Erfüllung dieser Aufgabe ist nur durch den Einsatz vieler engagierter Experten möglich und macht ständig Investitionen notwendig. Reines Wasser, früher bei schwacher Besiedlungsdichte einmal ein Geschenk der Natur, müssen wir heute und auch in Zukunft teuer bezahlen. Nur eine ausreichende Vorsorge durch umfassenden Gewässerschutz garantiert auch künftigen Generationen reines Wasser und eine gesunde Umwelt.


Abwasserbegriff


Im natürlichen Wasserkreislauf verdunstet das Wasser aus den Meeren, den Gewässern und Pflanzen, es regnet wieder herab, und fließt teilweise erneut den Bächen, Flüssen und Meeren zu. Wo aber der Mensch in diesen Kreislauf eingreift, nutzt er das Wasser und verschmutzt es. So entsteht „Abwasser“.

Nach der gültigen Definition ist es das nach Gebrauch verändert abfließende Schmutzwasser, aber auch Regenwasser, das von bebauten und befestigten Flächen abläuft und in die Kanalisation gelangt.

Es gibt Abwasser aus privaten Haushalten und gewerblichen Betrieben. Diese unterscheiden sich meist wesentlich. Aus den Haushalten, aus öffentlichen Gebäuden und Kleinbetrieben kommen vor allem Wasch-, Bade-, Spül- und Fäkalabwässer. Gewerbe- und Industriebetriebe liefern Schmutzwasser, das bei der Rohstoffgewinnung bei der Herstellung von Produkten entsteht. Industrielle Kühlprozesse steuern schließlich noch unverschmutztes, aber erwärmtes Wasser bei.

Um ein Maß für die unterschiedlich mit Schmutz belasteten Abwässer zu schaffen, hat man den „Einwohnergleichwert“ eingeführt. Er entspricht der Menge an leicht abbaubaren Substanzen, die ein Mensch pro Tag durchschnittlich ins Abwasser gibt und für deren biologischen Abbau 60 Gramm Sauerstoff benötigt werden.


Erinnern Sie sich noch?


Bis in die Zeit der 50er und 60er Jahre flossen unsere Hausabwässer oft noch durch eine Oberflächenkanalisation direkt in die Gewässer 1. bis 3. Ordnung oder in deren Seitengewässer. Bis zu dieser Zeit hatte sich die Wasserverschmutzung insgesamt noch in gewissen Grenzen gehalten. Waschlaugen beispielsweise wurden mehrfach verwendet, vielerorts existierten noch Fäkaliengruben, die Spülwasser auf den Toiletten überflüssig machten. Was heute noch als Witz kursiert, die mehrfache Verwendung von Badewasser, gehörte an den Badetagen damals zur Realität. Samstags sah man dann auch die graue Brühe aus den Abwasserrohren der Häuser in den Vorfluter fließen.

Der wachsende Wohlstand und die damit verbundene zunehmende Verunreinigung des Wassers machte den Bau von Abwassersammel- und –reinigungsanlagen erforderlich. Die zeitliche Umsetzung erfolgte gerade im ländlichen Raum sehr unterschiedlich. So war auch die Ausgangssituation nach der Aufgabenübertragung der Abwasserbeseitigung auf die Verbandsgemeinde örtlich sehr verschieden.


Ausgangssituation nach Aufgabenübertragung – Ist-Zustand „noch sehr trübe“


Der Ist-Zustand der Abwasserbeseitigung musste bei Aufgabenübergang auf die Verbandsgemeinde als buchstäblich „noch sehr trübe“ bezeichnet werden. Die vorhandenen Abwassersammelanlagen waren technisch in einem sehr unterschiedlichen Zustand. Zentrale mechanische oder mechanisch-biologische Abwasserreinigungsanlagen waren nur in 5 der 21 Ortsgemeinden existent:

 

Mechanische Kläranlagen Mechanisch-biologische Kläranlagen
  •  Selters
  •  Wölferlingen
  •   Herschbach
  •   Freilingen
  •   Ewighausen

 

In der landwirtschaftlich geprägten Verbandsgemeinde entwässerten viele Häuser ihre Abwässer in sogenannte Jauchegruben, die in regelmäßigen Zyklen ausgefahren wurden. Über 75% der an die Kanalisation angeschlossenen Grundstücke reinigten ihre Abwässer über die von den Grundstückseigentümern betriebenen Hauskläranlagen, deren Überlauf in der Regel über einen Sammelkanal in einen Vorfluter mündete.


Das neue Abwasserwerk


Der Verbandsgemeinderat hat aufgrund der damals gültigen Gemeindeordnung und Eigenbetriebsverordnung sowie der Aufgaben-Übergangs-Verordnung in seiner Sitzung am 04. November 1975 durch Beschluss aus dem kommunalen Regiebetrieb mit Wirkung vom 01.01.1976 einen kaufmännisch geführten Eigenbetrieb gebildet. Die Betriebssatzung wurde am 02. Dezember 1975 beschlossen und trat zum 01.01.1976 in Kraft.

Das Abwasserwerk der Verbandsgemeinde wurde aus den 21 verbandsangehörigen Ortsgemeinden gebildet: Selters, Herschbach, Maxsain, Marienrachdorf, Hartenfels, Freilingen, Weidenhahn, Schenkelberg, Freirachdorf, Sessenhausen, Wölferlingen, Vielbach, Nordhofen, Rückeroth, Quirnbach, Goddert, Ellenhausen, Steinen, Krümmel, Ewighausen und Maroth.

Die Eröffnungsbilanz des neuen Abwasserwerkes der Verbandsgemeinde Selters zum 01.01.1976 schließt in Aktiva und Passiva mit 6,85 Millionen € ab.


Mehr Lebensqualität schafft auch neue Probleme


Im Verlauf der 70er Jahre stieg nicht nur die Abwassermenge beträchtlich an, auch die Zusammensetzung der Abwässer veränderte sich erheblich. Das veränderte Verbraucherverhalten der privaten Anschlussnehmer wie z.B. der steigende Gebrauch von Wasch- und Spülmaschinen in fast allen Haushalten, die wöchentliche Autowäsche und die dabei eingesetzten Wasch- und Pflegemittel sowie die industrielle Entwicklung waren dafür mit verantwortlich. Ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein, wie wir es heute kennen, entwickelte sich erst in den folgenden zwei Jahrzehnten.

Hohe Stickstoff- und Phosphorkonzentrationen im Abwasser waren Ende der 80er Jahre zu verzeichnen. Diese wurden für ein massives Algenwachstum in unseren Gewässern verantwortlich gemacht. Das daraus resultierende Robbensterben in der Nordsee wirkte wie ein Alarmsignal auf Gesetzgebung und Fachbehörden. Anfang der 90er Jahre wurden deshalb wesentlich höhere Anforderungen an die Reinigung der Abwässer gesetzlich verankert.


Verbesserung der Abwasserreinigung – eine ständige Aufgabe


Um den permanent gestiegenen Anforderungen an die Qualität der Abwasserreinigung gerecht zu werden, mussten von den Verbandsgemeindewerken erhebliche Finanzmittel in die Abwasserbeseitigungsanlagen investiert werden.

Verdeutlicht werden die investiven Anstrengungen, wenn man den gegenwärtigen Wert des Anlagevermögens betrachtet. Zum Jahresende 2010 beläuft sich dies auf rund 45,85 Millionen €. Die Bilanz schließt in Aktiva und Passiva insgesamt mit 45,90 Millionen € ab. Die Bilanzsumme hat sich von 1976 bis 2010 um insgesamt 39,08 Millionen € erhöht.

 

Tabellarisch lässt sich die Entwicklung im Abwasserbereich wie folgt darstellen:

 

  Vergleich Abwasserbeseitigungseinrichtungen 1976/2010
 

 

 

 

Kläranlagen

 

 

Abwasser-pumpwerke

Ver-bindungs-

sammler

 

km

Sammler in Orts-lagen

 

km

 

 

Regenbau-werke

 

 

Hausan-schlüsse

 

1976

2010

1976

2010

1976

2010

1976

2010

1976

2010

1976

2010

 

Anzahl

 

5

 

6

 

0

 

4

 

1

 

27

 

79

 

151

4

61

3.501

6.424

Einwohner

5.000

23.108*

                   

Stand: 31.12.2010

Die gewichtete Abwassermenge des neuen Abwasserwerkes lag im ersten Wirtschaftsjahr 1976 bei 455.000 m³. Im Wirtschaftsjahr 2010 beläuft sich die eingeleitete Abwassermenge auf 613.998 m³. Grundlage der Berechnung bildet die der öffentlichen Wasserversorgungsanlage entnommene und der Berechnung der Wassergebühren zugrunde gelegte bereinigte Frischwassermenge.

*Einschließlich der rund 2.500 Einwohnergleichwerte, die an die Kläranlage in Wienau des Zweckverbandes Abwassergruppe Holzbach angeschlossen sind.